DAS GLÜCKSPROBLEM
Liebesroman
Amy ist als Reisejournalistin viel unterwegs und oft gestresst. Von ihrer Chefin deshalb zu einem Zwangsurlaub verdonnert, genießt sie ihre Auszeit in einem kleinen Ort an der italienischen Küste. Dort lernt sie durch eine besondere Begebenheit Marcel kennen. Er hat eine traurige Vergangen heit und ist durch ein persönlichen Problems sehr einsam. Aber dennoch gelingt es ihm, Amys Herz zu gewinnen. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse und sie beginnt an seiner Ehrlichkeit zu zweifeln. Marcel gerät immer mehr in Erklärungsnot und letztendlich trennt sich Amy von ihm, weil sie ihm nicht mehr glauben kann. Nun muss sich Marcel entscheiden: Lässt er Amy gehen oder ist er bereit, sich einer Vergangenheit zu stellen, die er bisher selbst nicht kannte?
ISBN 978-3-8192-4290-8, Paperback - 12,99 €
978-3-6957-5705-3, eBook - 8,99 €
Amy ging die Uferpromenade entlang und freute sich ihres Lebens. Zwei Wochen wohlverdienter Urlaub lagen vor ihr und ent-sprechend gut war ihre Laune. Eigentlich hatte sie gar nicht vor gehabt weg zu fahren, aber ihre Freundin Marga, die auch gleichzeitig ihre Chefin war, hatte so lange auf sie eingeredet, bis sie endlich diese zwei Wochen Urlaub am Meer gebucht hatte.
„Erstens hast du dir das verdient und zweitens dringend nötig“, war Margas Meinung dazu, die sie auch lautstark vertrat.
Marga führte einen klitzekleinen Verlag, der Reiseführer verlegte. Zusammen mit Amy waren sie ein Zwei-Frauen-Betrieb. Amy war die, die ständig in der Welt unterwegs war und recherchierte, und Marga diejenige, die zu Hause das von Amy Recherchierte zu Papier brachte. Die beiden kannten sich schon seit ihrer Schulzeit und waren beste Freundinnen. Sie waren ein gut eingespieltes Team, das sich super verstand und sich blind aufeinander verlassen konnte, auch wenn es manchmal stressig war. Und stressig war es leider sehr oft. Das größte Problem war meistens der Zeitdruck, unter dem sie standen. Dieser wiederum kam zustande, dass Amy, wenn sie unterwegs war, zwar zügig recherchierte, worüber sie schreiben wollte, ihr dann aber oft das Wetter einen Strich durch die Rechnung machte, denn um gute Fotos machen zu können, brauchte sie die liebe Sonne, und die schien nun einmal nicht immer. Und meistens dann am allerwenigsten, wenn man sie am nötigsten brauchte. So musste Marga manchmal tagelang in ihrem Büro darauf warten, bis Amy ihr etwas Brauchbares schicken konnte.
Und so war es auch die letzten Wochen gewesen. Amy war auf den Bahamas, um für einen Karibik-Reiseführer zu recherchieren. Sie hatte sich, wie immer, schon im Vorfeld im Internet schlau gemacht, welche Orte sie sich anschauen wollte. Wo gab es Interessantes zu erfahren, was Touristen interessieren könnte und sich gut in einem Reiseführer machte? Sie hatte vor Ort alle Hände voll zu tun, aber letztendlich ließ sie dann wieder einmal die Sonne im Stich und sie musste sich gedulden, bis sie endlich die dringend benötigten Fotos schießen konnte. Marga saß zu Hause im tristen Deutschland auf glühenden Kohlen, denn der Reiseführer hätte schon längst in der Druckerei sein sollen. Auch für Amy war das jedes Mal Stress pur. Sie wusste, wie sehr Marga auf ihre Mithilfe angewiesen war und wie viel Stress es ihr verursachte, wenn die Bilder nicht rechtzeitig fertig waren, aber sie konnte es nun einmal nicht ändern. Oft dachte sie: Zaubern sollte man können, dann wäre alles so einfach. Einmal den Zauberstab rühren und eins, zwei, drei, hex, hex und die Sonne wäre da. Da das aber leider nicht möglich war, musste sie eben abwarten.
Ihr Laptop war jeden Tag ihr Begleiter, denn sie schrieb schon unterwegs alles auf, was ihr zum jeweiligen Thema in den Sinn kam, und schickte es Marga. So konnte diese zumindest schon einmal den einen oder anderen Text fertigstellen, sodass später, wenn die ersehnten Bilder endlich eintrafen, diese nur noch eingefügt werden mussten.
Marga war, was die Gestaltung der Reiseführer anging, eine echte Künstlerin. Sie hatte absolut ein Händchen dafür, denn was sie da manchmal aus den Informationen machte, die Amy ihr zukommen ließ, war grandios. Aber ihr war auch durchaus bewusst, dass sie das ohne Amys Hilfe niemals so machen könnte. Amy war einfach der perfekte Mensch für diese Recherchen. Sie war eine neugierige, aufgeschlossene Person, die gut mit anderen Menschen konnte. Dazu sprach sie vier Fremdsprachen fließend und konnte sich dementsprechend auch oftmals in der Landessprache mit den Einheimischen unterhalten. Vielleicht war das das Geheimnis, dass es ihr oft gelang, auch noch das letzte Stückchen Besonderheit aus einer Sache herauszukitzeln. Sie fand manchmal kleine Orte oder Dinge, die es wert waren, gesehen zu werden, die in sonst keinem anderen Reiseführer zu finden waren. Aber sie war auch jedes Mal, wenn sie von so einer Recherche wieder zurück nach Deutschland kam, fix und fertig. Denn auch wenn ihr Arbeitsgebiet immer in schönen Urlaubsregionen lag: Urlaub war es für sie damit noch lange nicht, ganz im Gegenteil, das war meistens Stress pur. Und so kam sie auch beim letzten Mal völlig erledigt zurück. Nachdem sie Marga vor zwei Tagen endlich die letzten Fotos schicken konnte, war damit auch ihre Aufgabe auf den Bahamas beendet und sie konnte wieder nach Hause. Sie buchte den nächstmöglichen Flug und war froh, als sie wieder deutschen Boden unter den Füßen hatte, denn sie sehnte sich nur noch nach ihrem Zuhause.
Es war später Nachmittag, als sie dort ankam. Schon beim Hineingehen warf sie die Schuhe von den Füßen. Sie stellte das Gepäck im Flur ab und versetzte der Eingangstür einen Stoß, sodass sie krachend ins Schloss fiel. Ihr Weg führte sie Zielgerade zu ihrer Couch im Wohnzimmer. Unterwegs nahm sie aus dem Augenwinkel wahr, dass ihr Anrufbeantworter blinkte. Sie ignorierte es, denn es war ihr im Moment ziemlich egal, wer da etwas von ihr wollte. Sie wollte im Moment jedenfalls nur eines, nämlich auf ihre Couch. Dort ließ sie sich in ein Meer von Kissen fallen und legte ihre Beine hoch. Ohh, tat das gut. Ihr wurde wieder einmal bewusst, wie anstrengend doch diese Arbeit und die langen Flugzeiten immer wieder waren. Sie liebte ihre Arbeit wirklich sehr und sie hatte dadurch natürlich auch schon die halbe Welt gesehen, aber sie war auch keine 20 mehr und das merkte sie wieder einmal sehr deutlich. Sie war jetzt Ende 40, und vielleicht sollte sie sich doch einmal ernsthaft Gedanken darüber machen, mit dieser ewigen Herumreiserei aufzuhören. Bisher hatte es ihr nichts ausgemacht, die meiste Zeit in Hotelzimmern fremder Länder zu verbringen, denn sie war allein. Sie hatte weder Mann noch Kind und war völlig frei. Es war keiner da, den es hätte stören können, wenn sie mal wieder wochenlang nicht zu Hause war. Aber das war ja auch nicht das Problem. Das Problem war eher, dass sie merkte, dass ihr dieses unstete Leben immer schwerer fiel. Wäre es nicht besser, endlich einmal irgendwo anzukommen und auch bleiben zu können?
Aber selbst wenn sie aus diesem Job aussteigen würde, was sie Marga wahrscheinlich niemals antun könnte, was sollte sie dann arbeiten? Den ganzen Tag in einem Büro zu verbringen, wäre der absolute Albtraum für sie. Das konnte sie sich überhaupt nicht vorstellen, allein der Gedanke daran war ja nur schrecklich. Aber was dann? Doch gleich darauf schalt sie sich schon wieder selber. Was sollten solche Gedanken denn? Sie konnte nicht einfach aufhören und Marga alleine lassen. Die wäre ohne sie auf-geschmissen, das wusste sie. Marga wäre alleine nicht in der Lage, den Verlag weiterzuführen, denn sie konnte sich nicht um alles alleine kümmern. Über dem Nachdenken und Abwägen und Hin- und Herüberlegen war sie irgendwann eingeschlafen. Als sie aufwachte, war es stockdunkel um sie herum. Durch das Fenster konnte sie den Mond groß und rund am Himmel hängen sehen. Sie fröstelte. Es war zwar hier in Deutschland nicht wirklich kalt, aber sie war die letzten Wochen karibische Temperaturen gewöhnt, und das war dann doch ein Unterschied. Sie stand auf und ging zur Toilette. Auf dem Rückweg nahm sie sich aus der Küche ein Glas Wasser mit und schnappte sich im Vorbeigehen eine Decke, die über einem Sessel hing. Sie hatte keine Lust, ins Bett zu gehen und so kuschelte sie sich auf ihrer Couch in die Decke und schlief sofort wieder ein.
Als sie am Morgen erwachte, fühlte sie sich wieder ziemlich fit. Vorbei waren die dummen Gedanken von gestern. Sie sprang eilig unter die Dusche, denn sie wollte so schnell wie nur irgend möglich zu Marga ins Büro, um die letzten Details mit ihr zu besprechen. Als sie dort ankam, war sie gut gelaunt wie immer. Sie stürmte in Margas Büro und musste ihre gute Laune gleich ein wenig bremsen, denn Marga war gerade am Telefonieren, als sie hineinplatzte.
Als sie den Hörer aufgelegt hatte, strahlte sie Amy an und sagte: „Ein voller Erfolg!“ Sie kam um den Schreibtisch herum, nahm Amy in den Arm und wirbelte sie herum. „Du hast großartige Arbeit geleistet, Amy“, sagte sie, „Dankeschön! Der Reiseführer ist jetzt schon sehr begehrt. Das wird ein Bombenerfolg.“
„Echt?“
„Ja, echt.“
„Das ist ja super“, freute sich Amy, „dann hat sich die Quälerei ja wenigstens gelohnt.“
„War es arg anstrengend?“, fragte Marga.
„Ja, schon“, antwortete Amy. „Als ich gestern zu Hause angekommen bin, war ich schon ziemlich erledigt und bin direkt auf der Couch eingeschlafen. So ein Langstreckenflug ist schon heftig. Man ist halt keine 20 mehr“, sagte Amy lachend.
„Ja“, sagte Marga, „das glaube ich dir gern und deshalb habe ich beschlossen, dass du dir jetzt zuerst einmal eine Auszeit nimmst und in den Urlaub fährst. Und mit Urlaub meine ich auch richtigen Urlaub. Nur für dich, ohne Fotoapparat und ohne ständig auf der Jagd nach schönen Fotos zu sein. Hörst du?“
Amy sah Marga ziemlich ungläubig an. „Wie kommst du denn auf diese Idee?“
„Weil ich sehe, dass du ganz schön fertig bist und deshalb Urlaub brauchst. Und im Moment passt das ganz gut, da es noch nichts Neues zu tun gibt. Also, wo ist das Problem?“
Und so hatte sich Amy dazu überreden lassen, sich diese zwei Wochen Auszeit zu gönnen. Sie liebte das Meer über alles, und als die Entscheidung, in Urlaub zu fahren gefallen war, fiel es ihr nicht schwer, sich für ihr geliebtes Italien zu entscheiden.
So schlenderte sie nun, mit sich und der Welt restlos zufrieden, die Uferpromenade entlang und blickte dabei auf das ruhige, tiefblaue Meer. Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel und sorgte für angenehme Temperaturen, was Amy ausgiebig genoss, denn sie hatte ja alle Zeit der Welt. Sie bog von der Promenade ab und schlenderte langsam auf eine Parkbank zu, die ziemlich abseits des Weges lag. Weg vom turbulenten Trubel der Uferpromenade, herrschte eine himmlische Ruhe, die nur ab und zu von aufgeregtem Vogelgezwitscher unterbrochen wurde. Amy setzte sich auf die Bank und drehte sich in Richtung der Sonne. Die warmen Sonnenstrahlen streichelten ihr Gesicht und ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie schloss die Augen und versank in ihre Gedanken. Aus weiter Ferne nahm sie gelegentlich leise die Geräusche der ablegenden Schiffe aus dem Hafen wahr und ab und an brummte auf der nahegelegenen Straße ein Bus vorbei. Ansonsten war vom Straßenverkehr kaum etwas zu hören. Amy saß, tief in ihre Gedanken versunken, auf dieser Bank und hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Sie genoss diese Ruhe und die Wärme der Sonnenstrahlen und fühlte sich rundherum zufrieden. Sie war super glücklich und dankte im Geiste ihrer Freundin, dass sie sie zu diesem Urlaub so gedrängt hatte.
Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie schon hier saß und wie spät es war, aber als sie ihre Augen mit einem tiefen Seufzer öffnete, stieß sie erschrocken einen spitzen Schrei aus und machte einen Hüpfer zur Seite. Sie hatte sich total erschrocken, denn neben ihr saß plötzlich ein Mann und sah sie an. Sie fasste sich mit der Hand an ihre Brust und das Einzige, was sie heraus brachte, war: „Oh, mein Gott, haben Sie mich jetzt erschreckt.“ In der gleichen Sekunde fiel ihr ein, dass er sie ja wahrscheinlich gar nicht verstand, schließlich war sie hier in Italien. Umso überraschter war sie, als er ihr in perfektem Deutsch antwortete.
„Das tut mir leid, das war nun wirklich nicht meine Absicht“, hörte sie eine sehr wohlklingende Männerstimme sagen. Dabei spielte ein leichtes Lächeln um seine Mundwinkel und in seinen wunderschönen blauen Augen tanzten kleine Punkte.
Amy wusste im Moment nicht, ob sie böse auf ihn sein sollte oder nicht. Aber eigentlich hatte er ja nichts Schlimmes getan, außer sich auf eine Bank gesetzt, und das durfte er ja nun auch, denn es war ja schließlich nicht ihre Privatbank. Sie hatte nur überhaupt nicht daran gedacht, dass so etwas passieren könnte, und dement-sprechend war eben ihr Schock, als sie aus ihren Gedanken zurückgekehrt war. Und nun saß er eben da und sie auch. Sie reckte und streckte sich ein wenig und drehte ihr Gesicht wieder der Sonne entgegen. Aus dem Augenwinkel merkte sie, dass er sie beobachtete, was ihr nicht besonders angenehm war, und sie überlegte kurz, ob sie einfach aufstehen und weggehen sollte. Aber diese Entscheidung fiel ihr schwer, denn dieser Platz war einfach wunderschön und die Ruhe hier tat ihr so unheimlich gut, dass sie sich dafür entschied, zu bleiben. Sollte er doch gehen, schließlich war sie ja zuerst hier gewesen. Sie beschloss, ihn einfach nicht weiter zu beachten, nahm ihre Handtasche etwas fester an ihre Seite - man weiß ja nie -, dachte sie, und schloss wieder ihre Augen.
Aber irgendwie war ihr nicht besonders wohl dabei, dass sie jetzt nicht mehr sehen konnte, was er tat. Sie konnte diese Situation nicht länger aushalten und öffnete die Augen, um verstohlen zu ihm hinzusehen. Aber was sie sah, irritierte sie etwas. Womit auch immer sie gerechnet hatte, mit diesem Anblick jedenfalls nicht. Er saß neben ihr und hatte die Augen geschlossen. Das Lächeln, das gerade eben noch seine Mundwinkel umspielt hatte, war wie eingefroren und er sah ziemlich bedrückt aus. Amy tat er fast leid, denn so sah kein glücklicher Mensch aus. Sie saß da und konnte nicht aufhören, ihn anzusehen. Er war nicht mehr der Jüngste, hatte dunkle Haare und leicht grau melierte Schläfen. Und er war, soweit Amy das im Sitzen beurteilen konnte, recht groß und auf jeden Fall sehr schlank. Alles in allem eine recht attraktive Erscheinung, wie sie sich eingestehen musste. Sie beobachtete sein Gesicht, das wirklich sehr unglücklich in die Welt schaute. Was ihn wohl so sehr bedrückte? Was konnte an so einem herrlichen Sonnentag denn so schlimm sein, dass man so deprimiert war, dachte sie, um sich aber gleich darauf diese Frage selber zu beantworten. Natürlich konnte es Gründe geben, um auch bei schönem Wetter unglücklich zu sein. Glück war ja schließlich nicht vom Wetter abhängig. Obwohl, wenn sie da an sich selber dachte, an so einem herrlichen Sonnentag müsste bei ihr schon viel passieren, um ihr die Laune zu verderben, denn sie war durch und durch ein positiver Mensch und es dauerte schon sehr lange, bis sie sich wirklich einmal ernsthafte Sorgen machte. Und als müsste sie sich das gerade Gedachte noch einmal selber bestätigen, schloss sie die Augen und hielt ihr Gesicht wieder in die Sonne. Sie genoss diese herrlichen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut, und das entlockte ihr einen kleinen Seufzer.
Im selben Moment sagte die wohlklingende Männerstimme neben ihr: „Der Seufzer passt aber so gar nicht zu Ihrem glücklichen Gesichtsausdruck.“
Sie öffnete die Augen und wandte sich ihm zu. „Das war ja auch eher ein wohliger Seufzer, weil es gerade so schön ist“, antwortete sie lächelnd.
„Das sieht man Ihnen an, dass es Ihnen gut geht. Und diese positive Energie, die Sie hier versprühen, hat mich wohl magisch angezogen. Denn als ich Sie hier so habe sitzen sehen, musste ich mich einfach dazu setzen, in der Hoffnung etwas davon abzubekommen.“
„So, so“, sagte sie scherzend, „Sie ziehen also durch die Lande und beobachten Frauen. So einer sind Sie also?“ Dabei hob sie mahnend ihren Zeigefinger.
„Um Gottes willen, nein“, kam es wie aus der Pistole geschossen, „was denken Sie denn bloß von mir?“
Amy begann zu lachen: „Das sollte ein Scherz sein.
„Ach so, na Gott sei Dank, ich dachte schon, Sie meinen das ernst. Das wäre mir sehr unangenehm, wenn ich so einen Eindruck auf Sie gemacht hätte.“
„So, wäre es das?“, gab Amy lächelnd zurück.
„Ja, schon“, sagte er, und dabei flog ein leichtes Lächeln über sein Gesicht.
Amy sah ihm geradewegs ins Gesicht und sagte: „Sie machen aber überhaupt keinen glücklichen Eindruck. Was ist Ihnen denn über die Leber gelaufen?“
Sofort verfinsterte sich sein Blick und ihr tat es schon fast leid, dass sie das gefragt hatte. Aber dennoch antwortete er: „Nein, mir geht es im Moment nicht besonders gut, da haben Sie recht.“ Dabei hatte er wieder diesen bedrückten Gesichtsausdruck von vorhin.
Sie sah ihn von der Seite her an und fragte leise: „Sind Sie krank?“ In der gleichen Sekunde hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte sie, „das geht mich ja nun wirklich nichts an, das ist mir jetzt so herausgerutscht.“
Er sah sie traurig an, aber trotzdem kehrte ein kleines Lächeln auf sein Gesicht zurück, was Amy zufrieden zur Kenntnis nahm. „Krank!“, sagte er leise, ohne auf ihre Entschuldigung einzugehen.
„Ist ein Mann krank, wenn das, was bei einem Mann funktionieren sollte, nicht mehr funktioniert?“
Amy wartete einen Moment, denn sie dachte, dass da noch etwas kommen müsste, aber es kam nichts. Sie sah ihn nachdenklich an und fragte: „Das ist alles? Und deshalb machen Sie ein Gesicht, als würde gleich die Welt untergehen. Ich dachte, jetzt kommt so – Ich bin unheilbar krank und habe nur noch kurze Zeit zu leben – oder so etwas in dieser Richtung. Das wäre ein Grund traurig zu sein, aber deshalb…“, dabei deutete sie in Richtung seiner unteren Körperhälfte. „Die paar Zentimeter sind ja nun nicht alles.“ Sie schüttelte verständnislos den Kopf und dachte nur: Männer!
Bisher hatte er seinen Kopf in seinen Händen gehalten, aber jetzt sah er sie ziemlich irritiert an. Mit so einer Reaktion hatte er nicht gerechnet. Belächelt oder bemitleidet zu werden, darauf wäre er vorbereitet gewesen, aber nicht darauf.
Er war total verunsichert und sagte plötzlich: „Warum zum Teufel erzähle ich eigentlich einer wildfremden Frau von meinen intimsten Problemen? Das ist ja nur peinlich.“ Er raufte sich die Haare.
Bei seinem Anblick schluckte Amy die flapsige Bemerkung, die sie auf den Lippen hatte, hinunter und sagte beruhigend zu ihm: „Manchmal ist es vielleicht besser, mit einer fremden Person zu sprechen, da sie einen völlig unvoreingenommenen Blick auf die Dinge hat.“
Er sah sie ziemlich verzweifelt an und er tat ihr in der Seele leid.
„Ich nehme an, dass Sie beim Arzt waren, oder?“
„Bei einem?“, sagte er völlig emotionslos. „Ich weiß nicht mehr, bei wie vielen Ärzten ich war, ich habe aufgehört zu zählen.“
„Und, was kam dabei heraus?“
„Nichts!“
„Wie – nichts?“, fragte Amy.
„Na, nichts eben. Es gibt keinen körperlichen Grund dafür.“
„Aha“, sagte sie, „dann ist es wohl eher eine psychische Blockade. Oje, welche Frau hat das denn verursacht?“ Dabei konnte sie sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen.
Er sah sie ziemlich überrascht an und sagte leise: „Franca.“
Jetzt war Amy überrascht, denn sie hatte darauf nicht ernsthaft eine Antwort erwartet.
„Aha, eine Franca also. War wohl ein kleiner Vamp?“, dabei musste sie wirklich lachen.
Als sie aber seinen Gesichtsausdruck sah, blieb es ihr fast im Halse stecken, denn er sah einfach bemitleidenswert aus. Sie schien ganz unbewusst den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben.
„Entschuldigung“, sagte sie, „ich möchte das nicht ins Lächerliche ziehen, aber mir fiel dazu gerade etwas ein, was icheinmal in einem Film gesehen habe.“ Er sah sie mit großen Augen an, doch sie winkte ab: „Nicht wichtig.“
„Also, Franca ist ihre Freundin und sie hat ein Problem mit Ihrem kleinen Problem da?“, fragte Amy.
„Ex-Freundin“, kam es sofort zurück.
Amy sah ihn fragend an.
„Ja, sie hat mich deshalb verlassen.“
Amys Augen wurden kugelrund. „Sie hat Sie deshalb …“, ihr fehlten gerade die Worte, „…verlassen?“, stammelte sie.
Er nickte. „Und nicht nur das. Seither erzählt sie das auch überall herum. Jeder, der es hören möchte, oder auch nicht, bekommt es erzählt.“
„Boah, was für eine Hexe“, sagte Amy.
Sie konnte seine Verzweiflung fast körperlich spüren und er tat ihr wirklich unendlich leid. Sie hätte ihm gerne geholfen oder ihm etwas Tröstendes gesagt, aber sie hatte keine Ahnung, was sie hätte tun oder sagen können.
Aber sie merkte so langsam, dass sie sich nicht mehr so gut fühlte. Das lag aber nicht daran, dass sie sein Problem so sehr beschäftigte, sondern daran, dass sie hier schon sehr lange in der Sonne gesessen und nichts getrunken hatte. Und das musste sich nun schleunigst ändern.
Sie nahm ihre Handtasche, die neben ihr auf der Bank stand, und hing sie sich über die Schulter.
Gerade als sie sagen wollte, dass sie sich jetzt verabschieden müsste, sprang er auf und sagte ziemlich erschrocken: „Sie wollen doch nicht etwa schon gehen?"
„Na schon ist gut, ich weiß nicht, wie lange ich jetzt hier bei Ihnen gesessen habe, aber lange war es auf jeden Fall und ich brauche dringend etwas zu trinken. Die Sonne und das viele Sprechen haben meinen Mund ganz ausgetrocknet.“
„Trinken, das ist eine sehr gute Idee. Darf ich Sie dazu einladen?“, fragte er etwas zurückhaltend.
Amy sah ihn mit leicht geneigtem Kopf an: „Also, wir können gerne zusammen etwas trinken gehen“, sagte sie, „aber einladen müssen Sie mich nicht.“
„Ich würde aber gerne. Es wäre mir ein wirkliches Bedürfnis.“
„So“, sagte Amy lächelnd, „wäre es das?“
„Auf jeden Fall“, antwortete er. Dabei huschte ein kleines Lächeln über seine Lippen, was Amy sehr freute, denn das hatte sie bisher selten bei ihm gesehen.
„Nun gut, dann wollen wir Ihr Bedürfnis einmal stillen. Wohin können wir denn gehen?“
Er überlegte kurz, dann sagte er: „Es gibt hier in der Nähe ein hübsches kleines Straßencafé. Wenn Sie Lust haben, könnten wir dorthin gehen, das ist nur wenige Meter von hier entfernt in einer kleinen Seitenstraße.“
„Das klingt gut“, sagte Amy, „dann mal los“.
Sie gingen ein kurzes Stück an der Uferpromenade entlang und bogen nach wenigen Metern in eine kleine Seitenstraße ab. Das Café lag ziemlich am Anfang und war ganz nach Amys Geschmack. Draußen standen viele kleine, einladend hergerichtete Tischchen, manche rund, manche eckig, aber alle mit hübschen Tischdecken versehen. Es sah sehr bunt und gastfreundlich aus. Die großen Bäume, die überall auf dem Platz verteilt standen, sorgten für kühlen Schatten, was Amy, nach dem bisherigen „Braten“ in der Sonne, sehr recht war. Sie suchten sich ein hübsches Plätzchen am Rande und ließen sich auf den schönen bunten Sitzpolstern nieder.
Als der charmante italienische Kellner die Bestellung aufgenommen und wenig später die Getränke serviert hatte, wurde Amy wieder bewusst, dass sie hier in Italien war, was sie zu der Frage veranlasste: „Warum sprechen Sie eigentlich so perfekt Deutsch?“
Er lächelte sie an und sagte: „Meine Mutter kam aus Deutschland und ich bin zweisprachig aufgewachsen und auch meine Frau war Deutsche.“
„War?“, fragte Amy überrascht.
„Ja, war“, sagte er. „Sie ist schon vor vielen Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“
„Oh, das tut mir leid.“
„Ja, das war eine schlimme Zeit für mich, aber so ist nun einmal das Leben. Man kann sich die Dinge nicht aussuchen.“
„Haben Sie Kinder?“, fragte Amy.
„Ja, zwei. Einen Sohn und eine Tochter. Und Sie?“, fragte er.
„Ich? Nein, ich habe keine Kinder. Das hätte nicht in mein Leben gepasst und dafür war auch keine Zeit. Dafür war ich zu oft unterwegs“, sagte sie.
„Was hat Sie denn so viel unterwegs sein lassen?“, fragte er.
„Mein Job. Ich bin Reisejournalistin und ständig auf Tour.“
„Und was hat Sie dann hierher verschlagen?“
Amy lachte und antwortete: „Meine Freundin.“
Er hob die Augenbrauen und sah sie fragend an.
„Ja, meine Freundin ist schuld daran, dass ich hier bin. Na ja, nicht unbedingt daran, dass ich hier in Italien bin, das habe ich mir schon selber ausgesucht, aber daran, dass ich in den Urlaub gefahren bin. Sie hat mich so lange bearbeitet, bis ich zugestimmt habe, mir zwei Wochen Urlaub zu nehmen. Meine Freundin ist die Chefin des Verlages, für den ich arbeite, und sie hat mich schon fast dazu gezwungen, Urlaub zu nehmen. Wir verlegen Reiseführer und ich war für die Recherchen schon wirklich viel unterwegs, was mich ziemlich ausgelaugt hatte, und ich musste zugeben, dass mir eine Auszeit einmal ganz guttun würde, und so habe ich zugestimmt. Und dass es gerade Italien geworden ist, liegt daran, dass das, obwohl ich wirklich viel von der Welt gesehen habe, mein absolutes Lieblingsland ist. Und ich glaube, daran wird sich auch nichts mehr ändern. In Italien fühle ich mich irgendwie zu Hause.“
Er lächelte sie an und sagte: „Ja, unser Bella Italia hat schon was, nicht wahr?“
„Auf jeden Fall“, nickte sie zustimmend....
